die goldene ZEIT-SCHRIFT

Die goldene Zeit-Schrift

 Gestresst kreativ oder kreativ entstresst?


Wann können sich Kreativität und Stress gegenseitig fördern? Und wann ist diese Paarung besonders unproduktiv?

Mag. Katharina Smutny

Kreativität und StressWer kreativ sein will, sollte Stress vermeiden

Erinnern Sie sich an eine wichtige Aufgabe, die Sie innerhalb eines Zeitfensters erledigen mussten – eine Präsentation mit kreativen Lösungsideen zum Beispiel. Das Zeitfenster ist eng, sie stehen unter Druck und die Aufgabe ist herausfordernd. Abgabetermin ist schon morgen. Denken Sie zurück, wie schwer Ihnen diese Aufgabe von der Hand gegangen ist. Im Nachhinein dachten Sie vielleicht: „Das hätte ich besser machen können.“ Konnten Sie aber in dieser Situation nicht. Denn Stress, in diesem Fall der Zeitdruck, verhindert kreative Lösungsprozesse.

Zunächst ist es sinnvoll zu erklären, welche Art von Stress hier beschrieben ist. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Eustress und Distress. Eustress beschreibt den motivierenden (positiven) Stress, der Kreativität steigern kann – sozusagen eine kurzfristige Leistungssteigerung. Je nach Bewertung der Stresssituation (positiv oder negativ) und Dauerstressbelastung – zum Beispiel aus Mangel an Bewältigungsmaßnahmen – kann Eustress zu Distress umschlagen. Distress meint den belastenden (negativen) Stress. Mit dem Begriff Stress ist in diesem Artikel ausschließlich Distress gemeint.

Aus der Kreativitätsforschung ist bekannt, dass die assoziativen Hirnareale besondere Aktivität bei nicht-fokussiertem Denken aufweisen. Das bedeutet, besonders kreativ ist man dann, wenn man die Gedanken frei schweifen lässt. Bei Stress entsteht ein Tunnelblick, die Wahrnehmung ist voll und ganz auf das im Moment wesentliche- das Problem – gerichtet. Dadurch sind die Gedanken eingeengt und der Nährboden für Kreativität ist nicht gesät.

 Was kann man dagegen tun?

Nun, zunächst Stressreduktion. Dafür kann schon eine kleine Pause hilfreich sein. Ein Spaziergang ist hierzu optimal geeignet. Denn durch Bewegung an der frischen Luft werden stressbedingte Hormone abgebaut und gleichzeitig Hormone ausgeschüttet, die aktivierend und stimmungsaufhellend wirken (wie Testosteron und Adrenalin).

Können die Gedanken trotzdem nicht abschalten, bieten sich geführte Entspannungstechniken an oder die Konzentration auf eine ganz andere Sache.

Geführte Entspannungstechniken zählen zu den imaginativen Verfahren. Ein Beispiel dazu ist eine angeleitete Phantasiereise: In einer angenehmen Körperposition (liegend, sitzend) wird man von einer ausgebildeten Person angewiesen, sich einen bestimmten Ort vorzustellen. Dieser Ort wird mit angenehmen Sinneseindrücken gekoppelt, sodass sich der Muskeltonus herabsetzt und Körper sowie Geist in einem Entspannungszustand versetzt werden.

Vielleicht meinen Sie, dass ist unter Zeitdruck schwer möglich. Wissen Sie, dass man für kreative Prozesse in Stresssituationen doppelt so lange an Zeit benötigt? Mit einer kurzen Pause und Entspannung sparen Sie sich Zeit, anstatt sie zu verkürzen. Denn Stress erschwert den kreativen Problemlösungsprozess durch eingeschränkte Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit.

Eine andere Vorgehensweise, sich selbst den Druck zu nehmen, ist sich zu sagen: „Ich will diese Aufgabe erfüllen“ statt „Ich muss diese Aufgabe erfüllen“. Denn das Wort „muss“ ist im Gehirn schon mit unangenehmen Gefühlen (z.B. Verpflichtung, Druck) verknüpft. Verändert man den sprachlich-gedanklichen Ausdruck bestimmter Worte, fühlt man sich mehr entlastet und selbstbestimmter.

Eine dauerhafte Methode, Stress wahrzunehmen und dagegen anzugehen ist, Entspannungstechniken zu erlernen. Diese können, einmal angeeignet, in jeder Situation und zu jeder Zeit bewusst eingesetzt werden. Eine dieser Entspannungsverfahren ist das Autogene Training. Dabei handelt es sich um Selbstentspannung durch Selbstbeeinflussung (mittels gedanklichen Vorsagens definierter Sätze). Durch die bewusste Konzentration auf den eigenen Körper entsteht ein tiefes Entspannungsgefühl mit intensiv wahrgenommener Körperempfindung. Bei dauerhafter und regelmäßiger Anwendung kann das Autogene Training Stress sowie stressbedingte Beschwerden vermindern und präventiv vorbeugen.

Wer Stress reduzieren will, kann auf kreative Techniken zurückgreifen

Bei Stress ist vor allem die linke Gehirnhälfte aktiv. Also jener Teil, der für lineare, vorgegebene Strukturen verantwortlich ist. Die Kommunikation mit der „kreativen“ rechten Gehirnhälfte ist eingeschränkt. Um das Zusammenspiel beider Hälften zu fördern, gibt es einige kreative Methoden.

Ein Beispiel ist Jonglieren: Durch die Auge-Hand-Koordination und der Kreuzung der Bälle über die Körpermitte, wird der Gehirnbalken, der die beiden Gehirnhälften verbindet, wiederholt angeregt und aktiviert. Dadurch lernen die Gehirnhälften, sich besser aufeinander abzustimmen.

Eine andere, einfache Übung ist, mit der rechten Hand Zeigefinger und Daumen zusammenzuführen und mit der linken Hand Mittelfinger und Daumen. Dann wird ständig gewechselt: rechte Hand Mittelfinder-Daumen, linke Hand Zeigefinger und Daumen und so weiter – ungefähr 3 Minuten lang. Vereinfacht gesagt, steuert die linke Gehirnhälfte die rechte Körperseite und die rechte Gehirnhälfte die linke Körperseite. Dadurch verbessert diese Übung die Synchronisierung der beiden Gehirnteile.

Da unter Stress Lösungen, die außerhalb des Tunnelblicks liegen, nicht erkannt werden, kann man diese durch kreative, gestalterische Techniken wieder sichtbar machen. Wenn die Idee im Unterbewussten liegt, ist sie da, man kann aber gerade nicht darauf zugreifen.

Diese Kreativmethoden findet man zum Beispiel beim Malen oder Schreiben.

Diese Art von Malen zielt nicht darauf ab, ein Kunstwerk erschaffen zu müssen, sondern Gedanken und Gefühle malerisch auf Papier fließen zu lassen. Dadurch reduziert sich der Leistungsdruck und die Selbstwahrnehmung wird durch die Beschäftigung mit sich selbst verbessert. Außerdem hilft diese Methode auch, sich von der stressauslösenden Situation auf andere Inhalte hin zu konzentrieren, was insgesamt zu mehr Entspannung führt.

Beim kreativen Schreiben geht es darum, seine Gefühle und Gedanken aufzuschreiben. Da man seine Sorgen auf Papier bringt, kann man sich von Negativen zu entlasten. Außerdem hilft Schreiben eigene Gedanken und Gefühle zu ordnen. Diese Strukturierung ist eine Voraussetzung, damit das Gehirn das Erlebte verarbeiten kann. Und nicht umsonst heißt es: „Es sich von der Seele schreiben“.

Also seien Sie kreativ gegen Stress und entspannen Sie für Kreativität.

 

Mag. Katharina Smutny

Portrait

Psychologin / Anti-Stress-Trainerin, Paar- & Freundschaftsberaterin
+43 650 622 40 32
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Bild: johnhain/pixabay

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