die goldene ZEIT-SCHRIFT

Die goldene Zeit-Schrift

Toleranz in der Partnerschaft

…und damit mehr Beziehungsqualität

Mag. Katharina Smutny

Toleranz in der Partnerschaft

Sie kennen sicherlich ein oder mehrere Beispiele in Ihrer Partnerschaft, in denen Sie denken: „Wie kann er/sie nur schon wieder?“, „Jetzt muss ich mich schon wieder ärgern!“, „Soll ich mir auf die Lippen beißen oder ihm/ihr sagen, dass mich das wahnsinnig nervt?!“.

Es sind oft individuelle Eigenschaften oder Verhaltensweisen des Partners, die die eigene Toleranzschwelle strapazieren. Was man vielleicht am Anfang der Beziehung noch in Kauf nimmt, führt früher oder später zu Streit, Ärger, Verzweiflung. „1000 Mal habe ich ihm/ihr das gesagt und geändert hat er/sie sich nicht!“ könnte ein typischer Satz lauten.

Und dann?

Dann hat man 3 Möglichkeiten: 1. Sich deswegen zu trennen, 2. In der Beziehung immer mehr zu resignieren oder 3. Diese Eigenheit zu tolerieren.

Was ist mit Toleranz eigentlich genau gemeint?

Toleranz gegenüber anderen bedeutet ihre Unterschiedlichkeit zu akzeptieren. Das heißt nicht, dass ich gleicher Meinung sein muss. Sondern ich nehme es so hin, wie es ist, ohne Wenn und Aber.

Das bedeutet nicht, dass man nachgibt, sich klein macht oder kapituliert. Toleranz hat mit Großzügigkeit zu tun. Es ist ein Geschenk an mich und an den anderen.

Tolerant zu sein ist einfach gesagt – es ist auch kein Zustand, der sich eben so einstellt, sondern ein Prozess, den man mit Offenheit und an sich selbst arbeitend, durchschreiten kann.

Und was habe ich davon, wenn ich toleranter werde?

Begegnet man seinem Umfeld toleranter, erspart man sich selbst viel Ärger, Verzweiflung und Angst. Man reibt sich nicht mehr an der Unterschiedlichkeit des anderen, sondern lässt ihn so, wie er eben ist. Dadurch gewinnt man selbst Freiheit, kann die eigene Persönlichkeit weiterentwickeln, wird gelassener. Und eine tolerante Einstellung stärkt auch die Beziehung zu sich selbst. Denn mehr Toleranz gegenüber anderen Menschen verbessert auch die eigene Selbstkritik – man lernt toleranter mich sich selbst umzugehen.

Außerdem können sich Unterschiede in der Partnerschaft wunderbar ergänzen. Ist beispielsweise ein Partner eher ruhig und der andere ein Energiebündel, kann man dies als unüberwindbare Gegensätzlichkeit sehen. Oder man nimmt dies als Chance, vom anderen zu lernen: Der Ruhige hilft dem Aktiven runter zu kommen sowie sich besser zu entspannen. Und der Temporeiche zeigt dem Gemächlichen aktiver und lebendiger zu werden.

Wie schaffe ich es nun, toleranter zu werden?

Als Paarberaterin empfehle ich diese wichtigen Punkte für das Erlernen von Toleranz speziell in Beziehungen:

  1. Den anderen verstehen. Wenn ich verstehe, warum mein Partner sich so verhält oder sich eben so nicht verhält, fällt es mir leichter, diese Eigenart zu akzeptieren. Um zu verstehen muss man kommunizieren, Fragen stellen, sich in die Welt des Partners einfühlen. Denn erst, wenn man verstehen kann, warum der andere so handelt, denkt und fühlt, ist man auch bereit ihm seins zu lassen.

Ein Beispiel: Eva hatte ein wichtiges Bewerbungsgespräch und ist enttäuscht, dass ihr Partner nicht nachfragt, wie es gelaufen ist. Damit konfrontiert, erklärt Felix, dass er sehr wohl daran interessiert sei. Nur ist er heute, aufgrund eines wichtigen Meetings, so erledigt, dass er es einfach vergessen hat. Es sei aber nicht seine Absicht gewesen, sie damit zu verletzen. Das kann Eva besser annehmen, als sich zu denken, er würde sich einfach nicht für sie interessieren.

  1. Toleranz benötigt Selbstreflexion. Mit Selbstreflexion ist gemeint, dass man selbst erkennen sollte, warum es mir schwer fällt, hier tolerant zu sein. Was hat das mit meiner Vor-Geschichte zu tun? Denn sonst wäre es mir ja sowieso egal und ich bräuchte über Toleranz nicht nachzudenken.

Eva erkennt, dass sie diese Enttäuschung schon aus der Kindheit stammt. Ihre Eltern waren oft zu beschäftigt und vergaßen ihre Tochter nach einer wichtigen Schulprüfung zu fragen, wie es ihr ergangen sei. Diese Verletzung nimmt Eva mit in die Beziehung zu Felix. Da Eva das nun klar geworden ist, kann sie erkennen, dass diese Gefühle alt sind und nichts mit Felix Verhalten zu tun haben.

  1. Perspektivenwechsel. Möchte man nicht selber gerne vom Gegenüber als die Person akzeptiert, toleriert und geliebt werden, die man ist? Warum also vom anderen das Gegenteil verlangen?

Eva kennt die Situation auch, wie Felix sie beschreibt. Manchmal kommt sie nach einem anstrengenden Tag nach Hause und hat den Kopf noch voll. Dabei kommt es auch vor, dass sie vergisst, Felix danach zu fragen, wie ein wichtiger Kundentermin ausgegangen sei. Und in dieser Situation wünscht sich Eva ebenso Verständnis und keine Vorwürfe.

  1. Kompromisse eingehen. Was wäre mir wichtig, dass mein Partner tolerieren soll? Und was könnte ich im Gegenzug tolerieren?

Da Felix und Eva nun die Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachten können, vereinbaren sie, dass Felix sich bemüht, wichtige Ereignisse von Eva nicht zu vergessen. Im Gegenzug versucht Eva nicht enttäuscht, sondern verständnisvoll zu reagieren, falls Felix doch vergisst nachzufragen.

Um seine Toleranzschwelle auszuweiten, fängt man am besten mit Kleinigkeiten an, die einem noch eher unwichtiger sind. Schritt für Schritt ist hier das Motto. Eine Paar- oder Einzelberatung ist sehr hilfreich, um diesen Prozess zu beschleunigen oder in manchen Fällen überhaupt einzuleiten. Ein lösungsorientiertes und reflexives Arbeiten ist mit einem unabhängigen Experten effektiver möglich. Unterstützend kann der Experte hier auch Kommunikationstechniken vermitteln und gezielte, individuelle Aufgaben vorgeben. Außerdem fällt es oft in einem neutralen Umfeld leichter, unangenehme Sachen anzusprechen.

Bei Toleranz in Partnerschaften geht es natürlich nicht darum, alles tolerieren zu müssen. Hier sollte man zuerst Klarheit darüber finden, welche Werte und Meinungen einem elementar und besonders wichtig sind.

Portrait

 

 

Mag. Katharina Smutny
Psychologin / Anti-Stress-Trainerin, Paar- & Freundschaftsberaterin
+43 650 622 40 32
k.smutny@gmx.at
www.auftankstelle.at

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Bilder: k.smutny, pixabay

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